Farbfernsehen mit dem Nylonstrumpf: der Aprilscherz aus Schweden
Ein Strumpf über dem Bildschirm sollte Farbe ins Schwarz-Weiß-Fernsehen bringen. Wie der schwedische Fernsehscherz ablief und warum so viele es probierten.

Kurz gesagt
Am 01.04.1962 erklärte der Techniker Kjell Stensson im schwedischen Fernsehen, ein über den Bildschirm gespannter Nylonstrumpf mache aus einem Schwarz-Weiß-Gerät einen Farbfernseher. Tausende Zuschauer probierten es aus. Farbe gab es in Schweden regulär erst ab dem 01.04.1970.
Am 1. AprilApril April ist der vierte Monat des Jahres und hat 30 Tage. Der Name geht auf das lateinische Aprilis zurück, dessen Herkunft nicht sicher geklärt ist. Gedeutet wird er als "der zweite, folgende" Monat des altrömischen Jahres, das im März begann, oder nach lateinisch aperire, "öffnen". Am 1. April sind Aprilscherze Brauch. Im Glossar 1962 trat im schwedischen Fernsehen der Techniker Kjell Stensson vor die Kamera und erklärte, wie jeder Haushalt ohne neues Gerät farbig fernsehen könne: Man schneide einen Nylonstrumpf auf und spanne ihn über den Bildschirm. Der Stoff breche das Licht so, dass aus Grautönen Farben würden. Tausende Zuschauer gaben später zu, dass sie es versucht hatten [1]. Das Museum of HoaxesHoax Hoax ist das englische Wort für einen Schwindel. Im Deutschen meint es meist eine Falschmeldung, die sich über soziale Netzwerke, E-Mail oder Messenger verbreitet, weil viele sie glauben und weiterleiten. Typisch sind Kettenbriefe und angebliche Spendenaktionen. Im Glossar führt den Beitrag auf Platz 2 seiner Liste der hundert besten AprilscherzeAprilscherz Ein Aprilscherz ist ein harmloser Streich oder eine glaubhaft klingende, aber erfundene Geschichte, mit der man andere am 1. April hereinlegt. Aufgelöst wird er meist mit dem Ruf "April, April!". Im deutschen Sprachraum ist der Brauch seit dem 17. Jahrhundert belegt. Im Glossar aller Zeiten [1].
Was am 1. April 1962 gesendet wurde
Schweden hatte 1962 einen einzigen Fernsehsender, und der sendete in Schwarz-Weiß [1]. Wer am Abend des 1. April einschaltete, sah also das Programm, das alle sahen. Angekündigt wurde Kjell Stensson als technischer Experte des Senders. Er sprach ruhig und sachlich über die prismatische Natur des Lichts und über Interferenz am Doppelspalt, Begriffe, die nach Physikunterricht klingen und die kaum jemand im Wohnzimmer nachprüfen konnte [1].
Die Idee schrieb Stensson einem Erfinder namens Pål Arne Utmeister aus Bockstahus nördlich von Landskrona zu. Die Fernsehbranche sei, so hieß es in der Sendung, "very enthusiastic", also begeistert [1]. Ein erfundener Erfinder mit Ortsangabe und eine begeisterte Industrie: Beides gab der Meldung den Anschein einer echten Neuheit, die eben erst bekannt wurde.
Die Anleitung zum Mitmachen
Was den Scherz von einer bloßen FalschmeldungFalschmeldung Eine Falschmeldung ist eine Nachricht, die dem tatsächlichen Sachverhalt widerspricht. Sie kann aus einem Irrtum entstehen, absichtlich gestreut werden oder als Scherz gemeint sein. Ein Aprilscherz ist eine Falschmeldung, die am 1. April erscheint und bald aufgelöst wird. Im Glossar unterschied, war die Aufgabe für das Publikum. Nach der Darstellung des Museum of Hoaxes sollten die Zuschauer Folgendes bereitlegen und tun [1]:
- einen Nylonstrumpf, eine Schere und Klebeband bereitlegen,
- den Strumpf aufschneiden und über den Bildschirm kleben,
- im richtigen Abstand vor dem Gerät sitzen und den Kopf sehr vorsichtig bewegen, bis die Farben passen,
- eine eingeblendete Testkarte mit Weiß, Rot, Gelb, Grün, Blau und Schwarz zum Abgleich nutzen,
- dem Sender schreiben, wie gut es geklappt hat.
Gerade der letzte Punkt war geschickt. Wer einen Brief an den Sender schreiben soll, nimmt an, dass die Sache ernst gemeint ist und ausgewertet wird. Und wer den Kopf langsam hin und her bewegt, um die Farben "auszurichten", sucht den Fehler eher bei sich als beim Fernsehen. Viele Schwedinnen und Schweden erinnern sich bis heute daran, wie ihre Eltern, vor allem die Väter, durchs Haus liefen und Nylonstrümpfe suchten [1].
Warum so viele den Strumpf holten
Warum so viele mitmachten, belegen unsere Quellen nicht im Einzelnen. Einige Umstände machen es aber verständlich, und die folgenden Gründe sind unsere Einordnung. Der erste war der Absender. Es gab nur einen Sender, und der Mann vor der Kamera war als dessen Techniker vorgestellt. Ein Leser schrieb dem Museum of Hoaxes später, Stensson sei in den 1960er-Jahren tatsächlich der bekannte Technikexperte des schwedischen Fernsehens gewesen, was die Wirkung erkläre [1]. Diese Angabe stammt aus einem Leserkommentar und ist nicht weiter belegt.

Der zweite Umstand war die Zeit. Farbfernsehen war Anfang der 1960er-Jahre ein Thema, über das man las, das man aber zu Hause nicht hatte. Wer sich ein Farbgerät nicht leisten konnte, war vermutlich für eine Lösung aus dem Wäschekorb empfänglich. Der dritte Umstand macht den Scherz besonders hinterhältig: Es gab damals wirklich Farbfolien für Schwarz-Weiß-Fernseher. Das Museum of Hoaxes beschreibt dünne, leicht prismatische Kunststofffolien, die in den 1950er- und 1960er-Jahren für wenige Dollar verkauft wurden, während ein Farbgerät Hunderte kostete, und zeigt eine Anzeige für eine solche Folie aus dem Jahr 1954 [1]. Ein Strumpf als Filter war also nur einen kleinen Schritt von einem Produkt entfernt, das es im Handel gab.
Dazu kam die Sprache. Begriffe wie Interferenz und Doppelspalt sind echt, sie gehören zur Optik. Stensson benutzte sie in einem Zusammenhang, in dem sie nichts erklärten, aber gelehrt klangen. Für die meisten Zuschauer war der Unterschied zwischen einer richtigen und einer falschen physikalischen Erklärung nicht zu erkennen, zumal sie im Fernsehen lief.
Schließlich verlangte der Scherz wenig. Ein Strumpf lag in den meisten Haushalten in der Schublade, eine Schere und Klebeband ebenso. Wer zweifelte, konnte es in wenigen Minuten ausprobieren und hatte dabei kaum etwas zu verlieren. Wahrscheinlich sorgte gerade diese niedrige Hürde dafür, dass aus Neugier eine Handlung wurde. Ob die Farben ausblieben, weil der Strumpf zu dick war, der Abstand nicht stimmte oder der Kopf sich falsch bewegte, konnte vor dem Gerät niemand sicher sagen. So ließ sich der Misserfolg lange auf die eigene Ungeschicklichkeit schieben.
Farbfernsehen in Schweden: wann es wirklich kam
Bis zum echten Farbfernsehen dauerte es noch Jahre. Nach einem Beitrag des schwedischen Fernsehens SVT vom 01.04.2010 liefen erste Testsendungen 1965, das reguläre Farbprogramm begann am 1. April 1970, anfangs mit nur sechs Stunden pro Woche [2]. Das Museum of Hoaxes nennt für den ersten Farbversuch das Jahr 1966 [1]. Die beiden Angaben weichen voneinander ab; sicher ist, dass zwischen Scherz und Wirklichkeit rund acht Jahre lagen.

Billig war die Farbe auch dann nicht. Laut SVT kostete ein Farbgerät rund 4.000 Kronen, nach heutigem Geld etwa 32.000 Kronen, und die Haushalte zahlten zusätzlich eine höhere Rundfunkgebühr [2]. Es gab sogar Widerspruch: Der Kulturjournalist Ludvig Rasmusson schrieb damals gegen die Einführung an, weil sie Familien benachteilige, die sich nur ein Schwarz-Weiß-Gerät leisten konnten [2]. Dass das Farbprogramm ausgerechnet an einem 1. April startete, erwähnt SVT im selben Beitrag mit dem Hinweis auf den Strumpf-Scherz von 1962 [2].
Was an dem Scherz bis heute funktioniert
Wer heute einen Aprilscherz plant, kann von der Sendung einiges übernehmen, auch wenn ein ganzes Land nicht das Ziel ist. Die Geschichte war technisch plausibel, sie kam von jemandem, dem man in dieser Frage vertraute, und sie forderte zu einer kleinen Handlung auf. Der Schaden blieb gering: ein zerschnittener Strumpf und vielleicht ein Streifen Klebeband auf dem Bildschirm. Niemand wurde vor anderen bloßgestellt, denn fast alle saßen zur selben Zeit vor demselben Programm und fielen gemeinsam herein.
Ein Strumpf gehört allerdings nicht über einen fremden Fernseher. Wenn du die Idee für eine eigene Meldung nutzen willst, eignet sich ein ausgedachter Bericht nach Art einer eigenen Zeitungsente, den du selbst schreibst und noch am selben Tag auflöst. Die Grundsätze dafür stehen in unseren Harmlos-Regeln.
Ähnliche Fernsehscherze aus Skandinavien
Das Museum of Hoaxes nennt einen weiteren Fall aus Norwegen in den 1960er-Jahren: Zuschauer sollen aufgefordert worden sein, alle Stromverbraucher außer dem Fernseher abzuschalten. Das Museum selbst kennzeichnet diesen Fall als unbestätigt [1]. Belegt ist dort dagegen ein Scherz der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter von 2004: Wer sein GSM-Handy schüttle, könne damit die schnelleren 3G-Frequenzen freischalten [1]. Das Muster ist dasselbe wie beim Strumpf. Eine neue Technik, die viele sich wünschen, scheint plötzlich mit einem einfachen Handgriff erreichbar.
Wie der 1. April in Schweden, Dänemark und Norwegen sonst begangen wird, beschreiben wir auf der Seite zum Aprilscherz in Skandinavien. Den zweiten großen Fernsehscherz dieser Zeit, die Spaghetti-Ernte im britischen Fernsehen, erklären wir in einem eigenen Beitrag über die Spaghetti-Ernte der BBC. Eine Übersicht weiterer Fälle findest du unter berühmte Aprilscherze der Medien.
RandnotizNach SVT begann das reguläre Farbfernsehen in Schweden ausgerechnet an einem 1. April, acht Jahre nach dem Strumpf-Scherz.
Häufige Fragen
Hat der Nylonstrumpf wirklich irgendeine Wirkung auf das Bild?
Farbe entsteht dadurch nicht. Ein Schwarz-Weiß-Gerät erzeugt nur Helligkeitswerte, und ein Gewebe davor kann höchstens das Bild etwas weicher oder dunkler machen. Die Erklärung mit Interferenz und Doppelspalt klang wissenschaftlich, passte aber nicht zu dem, was ein Strumpf mit Licht tun kann.
Wer war Kjell Stensson?
Er wurde in der Sendung als technischer Experte des schwedischen Fernsehens vorgestellt. Weitere Angaben zu seiner Person, etwa Lebensdaten, haben wir in keiner Quelle gefunden, die wir für verlässlich halten.
Gibt es eine Aufnahme der Sendung?
Das Museum of Hoaxes zeigt ein Foto von Stensson, weist aber darauf hin, dass es Jahrzehnte später nachgestellt wurde. Ob die Originalsendung vollständig erhalten ist, geht aus unseren Quellen nicht hervor.
Wie viele Menschen haben den Strumpf ausprobiert?
Eine genaue Zahl gibt es nicht. Die Quellen sprechen von Tausenden, die später zugaben, darauf hereingefallen zu sein.
Quellen
- The Museum of Hoaxes (Alex Boese): Instant Color TV, hoaxes.org, abgerufen am 06.11.2026.
- SVT Nyheter (Göran Åhgren): Färg-tv började som ett aprilskämt, svt.se, abgerufen am 06.11.2026.