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Die Spaghetti-Ernte der BBC von 1957

Wie die BBC am 1. April Spaghetti von Bäumen pflücken ließ: Idee, Dreh am Luganer See, der Sprecher Richard Dimbleby und die Anrufe danach.

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Ein weißer Teller mit Spaghetti und einer Gabel steht auf einem Holztisch vor einem Fenster mit Blick auf einen See
Bild: KI-generiert

Kurz gesagt

Am 1. April 1957 zeigte die BBC-Sendung Panorama einen kurzen Bericht über eine angebliche Spaghetti-Ernte im Tessin. Frauen pflückten darin Nudeln von Bäumen, Richard Dimbleby sprach den Text mit ernster Stimme. Hunderte Zuschauer riefen an und wollten wissen, wie sie selbst einen Spaghetti-Baum ziehen können.

Die Spaghetti-Ernte war ein Aprilscherz der BBC: Am 1. April 1957 zeigte das Nachrichtenmagazin Panorama einen Bericht von etwa drei Minuten über Bauern im Tessin, die Spaghetti von Bäumen pflückten [1]. Grund für die gute Ernte seien ein milder Winter und das fast völlige Verschwinden des Spaghetti-Rüsselkäfers. Viele Zuschauer glaubten das. Das Museum of Hoaxes führt den Beitrag auf Platz 1 seiner Liste der 100 besten Aprilscherze [2].

Was die Zuschauer an diesem Abend sahen

Der Film zeigt Frauen in Tracht, die auf Leitern steigen, lange Nudeln von den Zweigen ziehen und sie in Weidenkörbe legen. Danach liegen die Spaghetti zum Trocknen in der Sonne, und am Ende sitzen die Erntehelfer bei einem festlichen Essen zusammen, natürlich mit Spaghetti [1]. Den Text las Richard Dimbleby, der Panorama seit 1955 moderierte und in Großbritannien als besonders seriöser Fernsehmann galt [1].

Der Sprecher erklärte ruhig, die letzten beiden Märzwochen seien für den Spaghetti-Bauern eine bange Zeit, weil ein später Frost den Geschmack verderben könne. Dass alle Spaghetti gleich lang wachsen, sei das Ergebnis jahrelanger Arbeit von Pflanzenzüchtern. Der Bericht endete mit dem Satz, für Liebhaber des Gerichts gebe es nichts Besseres als echte, selbst angebaute Spaghetti [1]. Danach verabschiedete sich Dimbleby im Studio "an diesem ersten Tag des April" und betonte die letzten Worte, so beschreibt es das Museum of Hoaxes [1].

Wer sich den Scherz ausgedacht hat

Die Idee kam von Charles de Jaeger, einem Kameramann von Panorama. Er war 1911 in Wien geboren und arbeitete seit 1943 für die BBC [1]. Nach der Darstellung des Museum of Hoaxes ging der Einfall auf einen Lehrer aus seiner Wiener Schulzeit zurück, der die Klasse gern damit aufzog, sie würde ihm sogar glauben, dass Spaghetti auf Bäumen wachsen. De Jaeger bot die Idee mehreren Vorgesetzten an, bevor er 1957 Mitstreiter fand [1].

In diesem Jahr fiel der 1. April auf einen Montag, den festen Sendetag von Panorama. De Jaeger gewann den Autor David Wheeler für den Plan, gemeinsam überzeugten sie den Redaktionsleiter Michael Peacock. Peacock gab nach dieser Darstellung ein Budget von 100 Pfund frei, auch weil de Jaeger ohnehin für einen anderen Auftrag in die Schweiz fahren sollte [1]. Wheeler schrieb den Text, den Dimbleby später las [1].

Der Dreh am Luganer See

Im März suchte de Jaeger mit einem Vertreter des Schweizer Fremdenverkehrsamts nach einem Drehort. Das Wetter war neblig und kalt, viele Bäume blühten noch nicht. Gefunden haben sie schließlich ein Hotel in Castiglione am Ufer des Luganer Sees, umgeben von immergrünen Lorbeerbäumen [1].

Ein Weidenkorb mit einem Bündel Spaghetti auf einem feuchten Tuch auf einem Holztisch
Bild: KI-generiert

Schwierig waren die Nudeln selbst. De Jaeger besorgte zwanzig englische Pfund ungekochte, hausgemachte Spaghetti, also rund neun Kilogramm. An den Zweigen trockneten sie schnell aus und hielten nicht. Gekochte Spaghetti waren zu glatt und rutschten zu Boden. Die Lösung fand der Vertreter des Fremdenverkehrsamts: Die rohen Nudeln lagen bis zum Aufhängen zwischen feuchten Tüchern und blieben so biegsam [1]. Die Frauen, die sie in die Bäume hängten, waren Mädchen aus dem Ort, die de Jaeger für den Dreh engagiert hatte [1].

In London wurde das Material auf drei Minuten geschnitten und mit Musik unterlegt. Peacock hielt den Beitrag bis zuletzt geheim, weil er fürchtete, seine Vorgesetzten könnten ihn stoppen. In den Programmankündigungen kam er nicht vor [1].

Die Anrufe nach der Sendung

Kurz nach der Sendung meldeten sich Hunderte Zuschauer bei der BBC [1]. Das Archiv der BBC fasst die Reaktion so zusammen: Einige fanden den Beitrag gar nicht lustig und warfen dem Sender vor, eine ernsthafte Nachrichtensendung für einen Scherz zu benutzen. Andere wollten wissen, wo sie einen eigenen Spaghetti-Strauch kaufen könnten [3].

Leonard Miall, ein Vorgesetzter von Peacock, ging an diesem Abend selbst zur Telefonzentrale. Er beschrieb später, dass viele Anrufer einen Streit in der Familie schlichten wollten: Der Mann glaubte an den Spaghetti-Baum, weil Dimbleby es gesagt hatte, die Frau wusste, dass Nudeln aus Mehl und Wasser bestehen [1]. Die Telefonisten der BBC antworteten schließlich mit einem festen Satz: Man solle einen Zweig Spaghetti in eine Dose Tomatensoße stecken und auf das Beste hoffen [1].

Sogar der Generaldirektor der BBC, Sir Ian Jacob, war unsicher. Eine Notiz über den Beitrag hatte ihn nicht erreicht. Er schlug nach eigener Erzählung mit seiner Frau in der Encyclopaedia Britannica nach und fand dort zu Spaghetti gar nichts. Später schickte er de Jaeger einen Glückwunsch zu dem Einfall [1].

Warum so viele den Bericht glaubten

Ein wichtiger Grund liegt im Essen selbst. Spaghetti waren im Großbritannien der 1950er-Jahre kein Alltagsgericht. Das Archiv der BBC nennt sie für viele Briten eine exotische Delikatesse [3]. Wer Nudeln nur aus der Dose oder vom Hörensagen kannte, hatte wenig Grund, an einem Bericht über ihren Anbau zu zweifeln.

Ein Wohnzimmer der Fünfzigerjahre mit einem alten Holzfernseher, dunklem Bildschirm, Sessel und Stehlampe
Bild: KI-generiert

Dazu kam der Absender. In den 1950er-Jahren gab es in Großbritannien nur zwei Fernsehsender, die BBC und ITV, und Panorama erreichte nach Angaben des Museum of Hoaxes rund zehn Millionen Zuschauer [1]. Dimbleby galt als jemand, dem man aufs Wort glaubte. Der Beitrag stand zwischen ernsten Themen, direkt nach einem Bericht über einen Weinwettbewerb, und war sorgfältig gefilmt. Er hielt sich an die Form einer echten Reportage, mit Ort, Wetter, Schädlingen und Erntebrauch. Die Pointe steckte allein im Inhalt.

Kritik und Nachahmer

In den Tagen danach gab es auch Kritik. Einige Zuschauer fanden, die BBC habe ihr Vertrauen ausgenutzt. Andere wiesen darauf hin, dass der Scherz erst am Abend lief, obwohl nach britischem Brauch Aprilscherze nur bis Mittag erlaubt sind [1]. Insgesamt fiel die Reaktion nach der Darstellung des Museum of Hoaxes aber freundlich aus [1].

Panorama hat nie wieder einen Aprilscherz gesendet. Andere Sender griffen die Idee auf: Ein Sender in Melbourne berichtete 1967 von einer bedrohten Spaghetti-Ernte in Australien, und die NBC zeigte 1970 eine Gurkenfarm, auf der Gurken an Bäumen wuchsen [1]. Das Archiv der BBC hält fest, dass dies vermutlich eines der ersten Male war, dass das Fernsehen für einen Aprilscherz genutzt wurde [3].

Auch in den USA lief der Film später. Die Talkmaster Jack Paar und Johnny Carson zeigten ihn in den 1960er-Jahren und danach in ihren Sendungen [1]. Nach einer Erinnerung, die das Museum of Hoaxes zitiert, bekam Carson danach Briefe von Zuschauern, die glaubten, er mache sich über einfache Bauern lustig. Er hielt daraufhin eine Packung Spaghetti in die Kamera und las die Zutaten vor, um zu zeigen, dass Nudeln hergestellt werden [1]. 1999 wählte die Zeitung Birmingham Post den Bericht auf Platz 82 ihrer Liste der 100 größten Fernsehmomente [1].

Charles de Jaeger starb im Mai 2000, Leonard Miall schrieb den Nachruf auf ihn in der Zeitung The Independent [1]. Michael Peacock wurde später Programmchef des Senders BBC2, der 1964 an den Start ging [1].

Den Spaghetti-Baum zu Hause nachbauen

Wer die Idee am Frühstückstisch oder im Garten ausprobieren will, findet die Anleitung beim Spaghetti-Baum als Streich für zu Hause. Dort steht auch, wie die Nudeln danach frisch gekocht und gegessen werden. Weitere Fälle aus Fernsehen, Radio und Zeitung stehen bei den berühmten Aprilscherzen der Medien, etwa das Farbfernsehen mit dem Nylonstrumpf aus Schweden. Wie du solche Meldungen heute selbst prüfst, erklären wir bei Aprilscherze in den Nachrichten erkennen.

Häufige Fragen

Wo wurde die Spaghetti-Ernte gedreht?

Gedreht wurde im Tessin, in Castiglione am Ufer des Luganer Sees. Die Spaghetti hingen an Lorbeerbäumen rund um ein Hotel.

Wer hat den Text gesprochen?

Richard Dimbleby, der Moderator von Panorama und einer der angesehensten Fernsehsprecher Großbritanniens. Geschrieben hat den Text David Wheeler, die Idee stammte vom Kameramann Charles de Jaeger.

Wie hat die BBC auf die Anrufe reagiert?

Noch am selben Abend sendete sie eine Erklärung, dass es ein Scherz war. Wer trotzdem fragte, bekam den Rat, einen Zweig Spaghetti in eine Dose Tomatensoße zu stecken und auf das Beste zu hoffen.

Kann man den Beitrag heute noch sehen?

Die BBC hat den Film in ihrem Archiv veröffentlicht, das Museum of Hoaxes verweist darauf. Er läuft rund drei Minuten.

Quellen

  1. Museum of Hoaxes: The Swiss Spaghetti Harvest, hoaxes.org, abgerufen am 06.11.2026.
  2. Museum of Hoaxes: The Top 100 April Fool's Day Hoaxes of All Time, hoaxes.org, abgerufen am 06.11.2026.
  3. BBC News, On This Day: 1957: BBC fools the nation, news.bbc.co.uk, abgerufen am 06.11.2026.