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Wie Alabama angeblich die Zahl Pi änderte

Das Parlament von Alabama sollte Pi auf 3 festgelegt haben. Wer den Aprilscherz schrieb, wie er per E-Mail um die Welt ging und was Indiana damit zu tun hat.

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Ein runder Obstkuchen auf einem Pult vor einer Tafel mit einem Kreis aus Kreide
Bild: KI-generiert

Kurz gesagt

Am 01.04.1998 verbreitete sich die Meldung, das Parlament von Alabama habe Pi per Gesetz auf den "biblischen Wert" 3,0 festgelegt. Geschrieben hatte sie der Physiker Mark Boslough als Parodie für den Newsletter der New Mexicans for Science and Reason. Weitergeleitete E-Mails machten daraus eine Falschmeldung, die bis heute kursiert.

Die Meldung, Alabama habe den Wert der Kreiszahl Pi per Gesetz auf 3,0 geändert, ist ein Aprilscherz vom 1. April 1998 [1]. Sie stammt von dem Physiker Mark Boslough und war als Parodie auf den Streit um die Evolutionslehre in New Mexico gedacht [2]. Über weitergeleitete E-Mails verbreitete sie sich weltweit, und im Parlament von Alabama gingen Hunderte Anrufe von Menschen ein, die gegen das angebliche Gesetz protestierten [1].

Was in der Meldung stand

Der Text trug die Überschrift "Alabama Legislature Lays Siege to pi", sinngemäß "Parlament von Alabama belagert Pi" [2]. Er behauptete, die Abgeordneten hätten beschlossen, den gewohnten Wert 3,14159 durch den "biblischen Wert" 3,0 zu ersetzen [1]. Als Verfasserin stand eine gewisse April Holiday von der "Associmated Press" darunter, ein Name, der mit dem Datum spielt, und eine Nachrichtenagentur mit einem eingeschmuggelten Buchstaben [2].

Wer aufmerksam las, hatte also Hinweise. Die meisten Leserinnen und Leser sahen aber nur die Schlagzeile und den Ton einer Agenturmeldung. Ein Gesetz über eine mathematische Konstante klang absurd, die Begründung mit der Bibel dagegen nach einem Streit, den es in den USA um Schulunterricht und Religion tatsächlich gab.

Wer den Scherz schrieb und warum

Mark Boslough arbeitete als Physiker bei den Sandia National Laboratories und saß im Vorstand der New Mexicans for Science and Reason, einer Vereinigung in New Mexico, die sich für wissenschaftliches Denken einsetzt [2]. Nach Angaben der Vereinigung richtete sich die Parodie gegen Kreationisten in New Mexico, die erreicht hatten, dass das Wort "Evolution" aus den naturwissenschaftlichen Lehrplänen des Bundesstaats verschwand [3].

Boslough verlegte die Handlung nach Alabama und übertrug den Streit auf eine Zahl, die jeder aus der Schule kennt. Die Figuren seiner Meldung hatten Vorbilder aus der Politik in New Mexico. Der erfundene Abgeordnete Leonard Lee Lawson war dem Senator Leonard Lee Rawson nachempfunden, der im Senat mit einem Stoffaffen gegen die Evolutionslehre argumentiert hatte [2]. Auch andere Namen waren nur um einen Buchstaben verändert. Die Parodie sollte zeigen, wie schnell eine schlichte naturwissenschaftliche Tatsache zum Gegenstand politischer Abstimmungen werden kann [2].

Wie die Meldung um die Welt ging

Laut Museum of Hoaxes erschien der Text in der Aprilausgabe 1998 des Newsletters der Vereinigung [1]. Ins Netz kam er am Morgen des 1. April 1998: Dave Thomas stellte ihn auf Anregung von Boslough in die Usenet-Gruppe talk.origins, in der über Evolution und Kreationismus diskutiert wurde [2]. Noch am selben Tag folgte eine Auflösung. Nach der Darstellung der Vereinigung kam sie zu spät, die Geschichte lief da schon von Postfach zu Postfach [3].

Ein alter Bürocomputer aus den späten Neunzigern von der Seite, daneben ein Modem mit grünen Lämpchen
Bild: KI-generiert

Thomas verfolgte, was mit dem Text geschah. Wenige Wochen später fand er Hunderte Treffer für "Alabama Pi" in den Archiven des Usenet [2]. Die Meldung war in Gruppen über Mathematik, Politik, moderne Sagen und Alabama weitergereicht worden. Beim Weiterleiten verlor sie oft ihre Hinweise: Die "Associmated Press" verschwand, und an ihre Stelle traten Quellenangaben, die amtlich klangen [2]. Die Auflösung wurde dagegen kaum weitergeschickt. Thomas schätzte, dass mehr als die Hälfte derjenigen, die sich zu der Meldung äußerten, den Scherz erkannte, viele andere hielten ihn für echt [2].

Thomas nannte das Ergebnis in Anspielung auf Darwin "Survival of the Forwarded", also das Überleben des Weitergeleiteten [2]. Der Witz trifft einen Punkt: Eine Meldung, die Empörung auslöst, wird eher weitergeschickt als ihre nüchterne Berichtigung.

Die Anrufe in Alabama

Im Parlament von Alabama kamen die Folgen an. Laut Museum of Hoaxes und Mental Floss riefen dort Hunderte Menschen an, um gegen das Gesetz zu protestieren, das es nie gegeben hatte [1] [4]. Nach Angaben der New Mexicans for Science and Reason meldeten sich auch Journalisten, die das angebliche Gesetz überprüfen wollten [3]. Später tauchte der Fall auf mehreren Listen der bekanntesten Internetscherze auf und war nach Angaben der Vereinigung zweimal Thema in der Quizsendung "Jeopardy!" [3].

Für die Abgeordneten in Alabama war der Scherz wenig lustig. Sie hatten nichts beschlossen und mussten trotzdem erklären, warum sie es nicht getan hatten. Darin unterscheidet sich der Fall von vielen Aprilscherzen der Medien, bei denen der Absender am nächsten Tag selbst auflöst. Hier gab es keinen Absender mehr, den die Empfänger kannten.

Der echte Fall: Indiana und die Kreiszahl

Ganz aus der Luft gegriffen war die Idee nicht. In Indiana gab es tatsächlich einen Gesetzentwurf, der Folgen für die Kreiszahl gehabt hätte. Der Hobbymathematiker Edward Goodwin glaubte, mit Zirkel und Lineal den Kreis quadrieren zu können, was Mathematiker bereits als unmöglich bewiesen hatten [5]. Aus seiner Methode ergab sich für Pi ein Wert von 3,2 [5].

Ein Zirkel aus Messing und ein Bleistift auf einem Blatt Papier mit gezeichneten Kreisen
Bild: KI-generiert

Der Abgeordnete Taylor I. Record brachte 1897 die House Bill 246 ein, die Goodwins Methode anerkennen sollte. Viele Abgeordnete verstanden den verschachtelten Text nicht, und das Repräsentantenhaus von Indiana stimmte am 5. Februar 1897 ohne Gegenstimme zu [5]. Gestoppt wurde der Entwurf im Senat. Clarence Abiathar Waldo, Mathematikprofessor an der Purdue University, war zufällig im Kapitol und erklärte den Senatoren, wo der Fehler lag. Ein Senator beantragte die Vertagung, und der Entwurf kam nie wieder auf die Tagesordnung [5].

Die Zeitung Indianapolis Journal, die den Entwurf anfangs unterstützt hatte, spottete danach, der Senat könne ebenso gut versuchen, Wasser per Gesetz bergauf fließen zu lassen, wie mathematische Wahrheit per Gesetz festzulegen [5]. Ob Boslough beim Schreiben an Indiana dachte, geht aus unseren Quellen nicht hervor. Der Unterschied ist trotzdem deutlich: In Indiana stimmte eine Kammer wirklich ab, in Alabama nie.

Warum die Meldung so lange überlebte

Warum sich die Meldung so lange hielt, ist unsere Einordnung und nicht belegt. Vermutlich half, dass sie zu einem Bild passte, das viele schon hatten, nämlich von Politikern, die sich in die Wissenschaft einmischen. Dazu war sie kurz genug für eine E-Mail und löste eine Mischung aus Kopfschütteln und Empörung aus, die zum Weiterleiten drängt. Die Hinweise auf den Scherz steckten in Details, die beim Kopieren als Erstes wegfielen [2].

Dazu kam das Medium. Die Meldung verbreitete sich vor allem über weitergeleitete E-Mails und Beiträge im Usenet [1] [2]. Beim Weiterleiten fielen die Hinweise auf den Scherz weg [2]. Der Fall ist deshalb eines der frühen Beispiele dafür, wie ein Aprilscherz sich von seinem Datum löst und als scheinbar echte Nachricht weiterlebt. Ein Aprilscherz aus dem Radio mit ähnlichem Verlauf ist der Nixon-Scherz des Senders NPR, weitere Fälle aus den USA beschreibt die Seite über den April Fools' Day in den USA.

Was du daraus für eigene Scherze mitnehmen kannst

Eine ausgedachte Meldung wirkt am besten, wenn sie plausibel klingt und ein kleines Signal enthält, an dem Aufmerksame den Scherz erkennen. Bei der Pi-Meldung waren das der Name April Holiday und die "Associmated Press". Wenn du selbst eine eigene Zeitungsente für Familie oder Freunde schreibst, gib sie nur an Menschen weiter, die du am selben Tag erreichst, und löse sie selbst auf. So bleibt der Scherz bei denen, die ihn verstehen. Woran du solche Meldungen erkennst, zeigt die Seite Aprilscherze erkennen, weitere bekannte Fälle stehen unter berühmte Aprilscherze.

RandnotizIm Repräsentantenhaus von Indiana ging der Entwurf ohne Gegenstimme durch, gestoppt hat ihn erst der Senat.

Häufige Fragen

Hat Alabama jemals ein Gesetz über Pi beschlossen?

Nein. Die Meldung war eine Parodie, ein solches Gesetz hat es in Alabama nie gegeben. Die Abgeordneten mussten trotzdem auf Hunderte Anrufe von Menschen reagieren, die es für echt hielten.

Warum ausgerechnet 3,0 als "biblischer Wert"?

Die Parodie nahm Bezug auf die Debatte über Religion im Schulunterricht. Mit dem Wort "biblisch" verband Boslough die Mathematik mit dem Streit um die Evolutionslehre, den er eigentlich meinte.

Wer war April Holiday?

Niemand. Der Name war ein Pseudonym von Mark Boslough und zugleich ein Hinweis auf das Datum. Auch die "Associmated Press" war erfunden.

Kursiert die Meldung noch?

Ja, sie taucht immer wieder als angebliche Nachricht auf. Nach Darstellung der New Mexicans for Science and Reason wurde die Auflösung weit seltener weitergeleitet als der Scherz selbst.

Quellen

  1. The Museum of Hoaxes (Alex Boese): Alabama Changes the Value of Pi, hoaxes.org, abgerufen am 06.11.2026.
  2. The Talk.Origins Archive (Dave Thomas): Post of the Month: May 1998, talkorigins.org, abgerufen am 06.11.2026.
  3. New Mexicans for Science and Reason: NMSR Pranks!, nmsr.org, abgerufen am 06.11.2026.
  4. Mental Floss (Abbey Stone): 11 of the Greatest Pranks of All Time, mentalfloss.com, abgerufen am 06.11.2026.
  5. The Saturday Evening Post (Jeff Nilsson): New Math: When the Indiana Legislature (Almost) Changed Pi, saturdayeveningpost.com, abgerufen am 06.11.2026.