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San Serriffe: die Insel mit Namen aus der Typografie

Am 1. April druckte der Guardian einen Reisebericht über San Serriffe, eine Inselrepublik in Form eines Semikolons. Alle Namen stammten aus der Druckersprache.

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Luftbild einer kleinen grünen Inselgruppe in Form eines Semikolons im türkisfarbenen Meer
Bild: KI-generiert

Kurz gesagt

San Serriffe ist eine erfundene Inselrepublik, die der britische Guardian am 01.04.1977 in einer siebenseitigen Beilage vorstellte. Die Inseln hatten die Form eines Semikolons, und fast alle Namen waren Wortspiele mit Begriffen aus Druck und Schriftsatz. Viele Leser hielten das Land für echt, Reisebüros und Fluglinien beschwerten sich über Anfragen.

San Serriffe ist ein Land, das es nie gab. Die britische Zeitung The Guardian stellte es am 1. April 1977 in einem siebenseitigen "Special Report" vor, als kleine Republik im Indischen Ozean aus mehreren Inseln in Form eines Semikolons [1]. Der Name spielt auf "sans serif" an, den Fachbegriff für Schriften ohne Serifen, und auch die übrigen Orte und Personen trugen Namen aus der Welt des Drucks [2].

Wie die Beilage entstand

Die Idee kam aus der Anzeigenabteilung. Philip Davies, beim Guardian für die Sonderberichte zuständig, schlug vor, die Länderberichte der Financial Times zu parodieren [1]. Diese Berichte stellten oft wenig bekannte Länder vor und waren von Anzeigen umgeben. Chefredakteur Peter Preston gab grünes Licht, Geoffrey Taylor redigierte und gestaltete die Beilage, Stuart St. Clair-Legge schrieb die Zusammenfassung und erfand den Namen [1]. Nach der Darstellung der Wikipedia wurde aus einer geplanten einzelnen Seite eine ganze Beilage, weil ein größerer Bericht mehr Anzeigen tragen konnte [2].

Die Beilage sah aus wie ein echter Länderbericht der Zeitung. Sieben Redakteure schrieben unter ihrem Namen Beiträge über Wirtschaft, Politik, Tourismus und Kultur des Landes, mit Überschriften wie "Three point key to prosperity" und "Bold expansion in tourism" [1]. Von den sieben Seiten waren vier mit Anzeigen gefüllt [1]. Wer die Zeitung nur durchblätterte, sah eine ganz gewöhnliche Sonderbeilage über ein fernes Reiseland.

Ein Land aus Druckerbegriffen

Der eigentliche Witz steckte in den Namen. Die beiden Hauptinseln hießen Upper Caisse und Lower Caisse, nach "upper case" und "lower case", den englischen Wörtern für Groß- und Kleinbuchstaben [3]. Sie stammen aus der Zeit des Bleisatzes, als die Lettern in Setzkästen lagen, die Großbuchstaben oben und die Kleinbuchstaben unten. Die Hauptstadt hieß Bodoni, nach dem Schriftgestalter Giambattista Bodoni, dessen Name bis heute für eine Schriftfamilie steht [3].

Auch die Menschen auf den Inseln hatten typografische Namen. Präsident war General Maria-Jesu Pica, benannt nach der Pica, einem Maß aus dem Schriftsatz [3]. Er war nach der Beilage durch einen fast unblutigen Putsch an die Macht gekommen [1]. Die Opposition führte Ralph Baskerville, ein Name, der an den Schriftgestalter John Baskerville erinnert [3]. Dazu kamen weitere Gestalten der Familie Pica, etwa ein Cousin zweiten Grades des Präsidenten, der persönlich die Tarifverträge neu verhandelte [1]. Die Website Grapheine nennt Caslon als Landessprache, ebenfalls ein Schriftname [3]; beim Museum of Hoaxes taucht Caslon im Zusammenhang mit einem Theaterfest der Inseln auf [1].

Für die Leserinnen und Leser von 1977 waren diese Anspielungen weniger leicht zu erkennen als heute. Die Wikipedia weist darauf hin, dass die Fachsprache des Drucks vor dem Desktop-Publishing kaum jemand außerhalb der Branche kannte [2]. Heute wählt fast jeder am Rechner Schriften aus und hat Namen wie Bodoni oder Baskerville schon im Menü gesehen. Damals waren es Wörter aus der Setzerei, die nur Eingeweihte zum Schmunzeln brachten.

Die Anzeigen spielten mit

Ein Grund für den Erfolg war, dass echte Firmen mitmachten. Nach dem Museum of Hoaxes buchte die Werbeagentur J. Walter Thompson alle Anzeigen der Beilage [1]. Kodak schrieb einen Fotowettbewerb über die Schönheit der Inseln aus, Texaco verloste eine Reise mit dem Rennfahrer James Hunt [1]. Guinness zeigte ein Glas, in dem das Bier auf dem Kopf stand, mit schwarzem Schaum über hellem Bier, und erklärte das mit Erntehelfern, die auf San Serriffe die Gerste verkehrt herum gesät hätten [1]. Der Guardian selbst schaltete eine Stellenanzeige der Universität von San Serriffe für einen Dozenten der Mondspektroskopie, mit Gehalt in der Landeswährung Corona [1].

Palmenstrand mit einem gestreiften Liegestuhl, daneben eine alte Schreibmaschine auf einem kleinen Tisch
Bild: KI-generiert

Die Anzeigen machten die Beilage glaubwürdiger, weil sie genauso aussahen wie die Werbung, die Länderberichte sonst begleitet. Wer auf eine ganzseitige Anzeige eines großen Konzerns stieß, nahm eher an, dass das Land existiert. Zugleich waren die Anzeigen selbst kleine Scherze. Gerste, die verkehrt herum wächst, gehört eindeutig ins Reich der Mystifikation.

Warum die Inseln wandern

Ursprünglich lagen die Inseln im Atlantik vor den Kanarischen Inseln [1]. Am 27. März 1977 stießen auf dem Flughafen von Teneriffa zwei Flugzeuge zusammen, 583 Menschen starben [1]. Die Redaktion verlegte San Serriffe daraufhin in letzter Minute in den Indischen Ozean [1]. Die Wikipedia nennt als neue Lage die Gegend der Seychellen [2].

Lupe aus Messing auf einem alten Blatt Papier mit den gezeichneten Umrissen zweier kleiner Inseln
Bild: KI-generiert

Aus dem Umzug wurde ein fester Bestandteil der Geschichte. Die Autoren erklärten, die Inseln würden im Westen abgetragen und im Osten neu angeschwemmt und wanderten deshalb langsam in Richtung Sri Lanka [2]. So konnte die Zeitung jede Ungenauigkeit bei der Lage mit der Wanderung erklären, und das Land war auf keiner echten Karte zu finden, weil es nie lange an derselben Stelle blieb.

Wie die Leser reagierten

Am 1. April 1977 klingelten beim Guardian den ganzen Tag die Telefone, und Hunderte Briefe kamen an [1]. Der Journalist David McKie erinnerte sich 2006, im Büro habe Chaos geherrscht, weil Anrufer mehr über das Land wissen wollten [1]. Reisebüros und Fluglinien beschwerten sich, weil Kundschaft nicht glauben wollte, dass es die Inseln nicht gibt [2]. Viele Leser spielten auch mit: In der Wikipedia heißt es, die Zeitung habe Hunderte Briefe mit Schilderungen von Urlauben auf den Inseln bekommen [2]. Eine "San Serriffe Liberation Front" beklagte sich schriftlich, der Bericht sei zu regierungsfreundlich [1].

Wie viele Menschen den Bericht ernsthaft geglaubt haben und wie viele den Spaß nur weitergetrieben haben, lässt sich aus den Quellen nicht trennen. Sicher ist, dass der Scherz ein Eigenleben bekam. Der Guardian verkaufte nach dem Museum of Hoaxes Autoaufkleber und 12.000 T-Shirts [1].

Fortsetzungen und Nachleben

San Serriffe kehrte mehrfach zurück. Am 1. April 1978 folgte eine zehnseitige Beilage mit erfundenen Titelseiten von Zeitungen der Inseln, die als weniger gelungen galt [1]. Die Wikipedia nennt weitere Auftritte 1980 und 1999 [2]. Im Jahr 1999 meldete der Guardian unter dem Titel "Return to San Serriffe", General Pica sei gestürzt worden und es habe freie Wahlen gegeben [1].

Auch außerhalb der Zeitung lebt das Land weiter. Es gab einen Fanclub, ein Spiel und Bücher eines amerikanischen Kleinverlags [1]. Der Informatiker Donald Knuth stellt seit 2008 die kleinen Schecks, mit denen er Fehlerfinder in seinen Büchern belohnt, auf eine erfundene "Bank of San Serriffe" aus [2]. Nach Grapheine können Abonnenten bei der Anmeldung auf der Website des Guardian bis heute "San Serriffe" als Land wählen [3]. Das haben wir nicht selbst nachgeprüft.

Was du für eine eigene Zeitungsente mitnehmen kannst

San Serriffe zeigt, wie ein Scherz für Kenner funktioniert: Die Form ist ernst, die Hinweise sind versteckt, und wer sie findet, freut sich doppelt. Für eine Familien- oder Vereinszeitung kannst du das im Kleinen nachbauen, mit Namen aus einem Fachgebiet, das deine Leser kennen, etwa aus dem Garten, der Küche oder dem Sport. Wie das geht, steht in der Anleitung zur eigenen Zeitungsente, passende Überschriften findest du bei den Schlagzeilen für die eigene Zeitungsente. Andere große Fälle wie die Spaghetti-Ernte der BBC stehen in der Übersicht der berühmten Aprilscherze, und warum gerade britische Medien so viele Aprilscherze bringen, erklären wir beim Aprilscherz in Großbritannien.

Häufige Fragen

Wo liegt San Serriffe?

Nirgends, das Land ist erfunden. In der Beilage lag es im Indischen Ozean, ursprünglich war es im Atlantik vor den Kanaren geplant. Weil die Inseln angeblich wandern, konnte die Zeitung die Lage jederzeit ändern.

Was bedeutet der Name San Serriffe?

Der Name klingt nach einer spanischen Insel und spielt auf "sans serif" an, den Begriff für Schriften ohne Serifen, also ohne die kleinen Füßchen an den Buchstaben. Fast alle anderen Namen der Beilage stammen ebenfalls aus der Druckersprache.

Haben die Leute wirklich geglaubt, dass es die Insel gibt?

Ein Teil schon. Reisebüros und Fluglinien beschwerten sich bei der Zeitung über Kundschaft, die dorthin reisen wollte. Viele andere Leser hatten den Witz erkannt und schrieben scherzhafte Briefe über ihren Urlaub auf den Inseln.

Kann man die Beilage heute noch lesen?

Das Museum of Hoaxes zeigt auf seiner Seite zu San Serriffe Abbildungen der Originalseiten. Ob der Guardian die Beilage selbst noch im Netz anbietet, haben wir nicht geprüft.

Quellen

  1. The Museum of Hoaxes (Alex Boese): San Serriffe, hoaxes.org, abgerufen am 06.11.2026.
  2. Wikipedia: San Serriffe, en.wikipedia.org, abgerufen am 06.11.2026.
  3. Grapheine: San Serriffe typographic Island, grapheine.com, abgerufen am 06.11.2026.