Sidd Finch: der Werfer, den es nie gab
Ein Werfer mit Wanderstiefel, Waldhorn und Wurf mit 270 km/h: wie George Plimpton in Sports Illustrated den erfundenen Sidd Finch zum Star machte.

Kurz gesagt
Sidd Finch ist ein erfundener Baseball-Werfer aus einem Aprilscherz der Zeitschrift Sports Illustrated, Ausgabe vom 01.04.1985. Der Autor George Plimpton beschrieb einen jungen Mann, der in Tibet Yoga gelernt habe und den Ball mit 168 Meilen pro Stunde werfe. Die Auflösung stand versteckt im Untertitel, dessen Anfangsbuchstaben "Happy April Fools Day" ergaben.
Sidd Finch war ein Baseball-Werfer, den der Journalist George Plimpton erfunden hatte. Die Zeitschrift Sports Illustrated stellte ihn in ihrer Ausgabe vom 1. AprilApril April ist der vierte Monat des Jahres und hat 30 Tage. Der Name geht auf das lateinische Aprilis zurück, dessen Herkunft nicht sicher geklärt ist. Gedeutet wird er als "der zweite, folgende" Monat des altrömischen Jahres, das im März begann, oder nach lateinisch aperire, "öffnen". Am 1. April sind Aprilscherze Brauch. Im Glossar 1985 unter dem Titel "The Curious Case of Sidd Finch" vor [1]. Finch sollte den Ball mit 168 Meilen pro Stunde werfen, umgerechnet rund 270 Kilometer pro Stunde, und das mit großer Genauigkeit [1]. Wer den Untertitel des Artikels genau las, fand die Auflösung schon dort.
Wer Sidd Finch angeblich war
Plimpton schrieb Finch eine Lebensgeschichte, die wie aus einem Abenteuerroman klang. Er sei in einem englischen Waisenhaus aufgewachsen und von dem Archäologen Francis Whyte-Finch adoptiert worden, der später bei einem Flugzeugabsturz in Nepal ums Leben gekommen sei [1]. Finch habe kurz in Harvard studiert und sei dann nach Tibet gegangen [1]. Dort habe er bei einem Lama "siddhi" gelernt, die Beherrschung von Geist und Körper durch Yoga [1]. Daher auch der Vorname: Sidd steht nach der Wikipedia für Hayden Siddhartha Finch [2].
Baseball hatte Finch nach dem Artikel nie gespielt. Er habe die Kunst des Werfens allein durch seine geistige Schulung gelernt [1]. Entdeckt worden sei er im Badeort Old Orchard Beach im US-Bundesstaat Maine [2]. Nun trainiere er im Trainingslager der New York Mets in St. Petersburg in Florida [1].
Die Details, die ihn unvergleichbar machten
Am meisten blieb von Finch ein Bild im Gedächtnis: Er warf mit einem schweren Wanderstiefel am rechten Fuß, der linke war nackt [1]. Dazu kam die Geschwindigkeit. Der schnellste bis dahin gemessene Wurf lag nach dem Museum of HoaxesHoax Hoax ist das englische Wort für einen Schwindel. Im Deutschen meint es meist eine Falschmeldung, die sich über soziale Netzwerke, E-Mail oder Messenger verbreitet, weil viele sie glauben und weiterleiten. Typisch sind Kettenbriefe und angebliche Spendenaktionen. Im Glossar bei 103 Meilen pro Stunde, nach der Wikipedia bei 104 [1] [2]. Finch sollte also deutlich mehr als anderthalbmal so schnell werfen wie der beste Profi. Ein Fänger erzählte im Artikel, er habe nur ein leises Geräusch gehört, bevor der Ball im Handschuh einschlug und ihn zwei oder drei Fuß nach hinten warf [1].

Ganz entschieden hatte sich Finch noch nicht. Er schwankte zwischen dem Baseball und einer Laufbahn als Waldhornspieler und wollte den Mets seine Entscheidung am 1. April mitteilen [1]. Nach der Wikipedia sagte er, vielleicht spiele er auch Waldhorn oder Golf oder sonst etwas [2]. Diese Unentschlossenheit war ein kleiner Hinweis: Ein Spieler, der so werfen kann, aber lieber Musik machen würde, klingt nach einer Figur, die sich jemand ausgedacht hat.
Wie der Scherz entstand
Der Anstoß kam aus der Redaktion. Chefredakteur Mark Mulvoy fiel auf, dass das Heftdatum 1985 auf den 1. April fiel, und er bat Plimpton um einen Artikel über Scherze im Sport [2]. Plimpton fand nicht genug Beispiele, und Mulvoy ließ ihn stattdessen einen eigenen Scherz erfinden [2]. Das Heft kam nach der Wikipedia schon Ende März in den Handel [2].

Damit die Geschichte glaubwürdig wirkte, gab es Fotos. Ein Kunstlehrer aus Oak Park in Illinois, Joe Berton, spielte für den Fotografen Lane Stewart den Werfer und drehte das Gesicht meist von der Kamera weg [2]. Auf den Bildern waren auch echte Mitglieder der Mets zu sehen [2]. Der Verein spielte mit: Er stellte ein Trikot mit der Nummer 21 und einen Spind zwischen zwei bekannten Spielern zur Verfügung [2]. Ein angeblicher Bericht der Talentspäher bewertete Finchs Wurf mit 9 auf einer Skala, deren Höchstwert eigentlich 8 war [2].
Die versteckte Botschaft im Untertitel
Plimpton hatte eine Auflösung eingebaut, die man nur sah, wenn man danach suchte. Der Untertitel begann mit "He's a pitcher, part yogi and part recluse", also "Er ist Werfer, teils Yogi, teils Einsiedler" [1]. Die Anfangsbuchstaben der Wörter ergaben "Happy April Fools DayApril Fools' Day April Fools' Day ist der englische Name für den 1. April als Tag der Streiche, vor allem in Großbritannien und den USA. In Großbritannien gilt traditionell, dass Scherze nur bis zum Mittag erlaubt sind. Wer danach noch jemanden hereinlegt, ist selbst der "April fool". Im Glossar" [1]. Die Wikipedia gibt die versteckte Botschaft etwas länger wieder, mit dem Zusatz "a(h) fib", also ungefähr "eine kleine Flunkerei" [2].
Solche versteckten Hinweise sind eine freundliche Form der Täuschung. Wer aufmerksam liest, kann den Scherz selbst entdecken, und wer hereinfällt, findet hinterher den Beweis, dass alles von Anfang an angekündigt war. Gelesen haben ihn die meisten trotzdem nicht. Nach der Wikipedia glaubten viele Leser, dass es Finch gibt [2].
Wie die Leser reagierten
Sports Illustrated bekam fast 2.000 Briefe zu dem Artikel, und die Geschichte wurde zu einer der bekanntesten der Zeitschrift [1]. Fans der Mets wollten mehr wissen, und nach der Wikipedia riefen zwei General Manager beim obersten Baseball-Funktionär Peter Ueberroth an, um nach dem neuen Werfer zu fragen [2]. Ein Baseballteam in Maine versuchte, Finch zu seinem Festessen einzuladen, bekam eine rätselhafte Antwort und verstand sie als Zusage [1].
Warum so viele es glaubten
Der Scherz stand in einer großen Sportzeitschrift, und die Redaktion selbst hatte ihn bestellt und mit Fotos ausgestattet [2]. Die Geschichte spielte im Frühjahrstraining, also in den Wochen, in denen Vereine tatsächlich neue Spieler ausprobieren und Fans jede Meldung über Nachwuchs verfolgen. Dazu kamen echte Namen aus dem Verein und Zahlen, die genau klangen. Die übertriebenen Teile, Tibet, Yoga, Waldhorn und Wanderstiefel, wirkten in dieser Umgebung eher wie Farbe als wie ein Warnsignal.
Die Auflösung
Die Zeitschrift ließ den Scherz nicht einfach stehen. Am 2. April 1985 gab Joe Berton als Sidd Finch in St. Petersburg eine Pressekonferenz und verkündete seinen Rücktritt [2]. In der Ausgabe vom 8. April meldete Sports Illustrated in einem kleinen Beitrag, Finch habe die Genauigkeit seines Wurfs verloren und werde nicht für die Mets spielen [1]. Am 15. April gab die Zeitschrift zu, dass alles erfunden war [1]. Die Wikipedia nennt dieses Datum ebenfalls, markiert es aber als noch nicht belegt [2].
Die Auflösung zog sich also über zwei Wochen und folgte der Logik der Geschichte: Der Werfer verschwand so plötzlich, wie er gekommen war. Wer sich vorher gefreut hatte, bekam zuerst einen sportlichen Grund und erst später die Wahrheit.
Der Roman und das Nachleben
Plimpton machte aus dem Artikel später einen Roman mit demselben Titel, der 1987 erschien [2]. Darin bringen ihn unter anderem echte Baseballgrößen und seine Freundin zurück zum Sport, und am Ende erreicht er die Mets [2].
Sidd Finch gehört zu den bekanntesten Aprilscherzen aus den USA, wo der 1. April als April Fools' Day gefeiert wird. Wie der Tag dort begangen wird, steht auf der Seite zum Aprilscherz in den USA. Weitere große Fälle von Sendern, Zeitungen und Firmen findest du in unserer Übersicht der berühmten Aprilscherze, darunter die Taco Liberty Bell.
Was du für einen eigenen Scherz mitnehmen kannst
Plimptons Werkzeug lässt sich leicht übernehmen: eine erfundene Meldung mit vielen ernsthaften Einzelheiten und einem versteckten Hinweis, den man finden kann. Für eine Vereins- oder Familienzeitung eignet sich zum Beispiel eine Überschrift, deren Anfangsbuchstaben das Wort "AprilscherzAprilscherz Ein Aprilscherz ist ein harmloser Streich oder eine glaubhaft klingende, aber erfundene Geschichte, mit der man andere am 1. April hereinlegt. Aufgelöst wird er meist mit dem Ruf "April, April!". Im deutschen Sprachraum ist der Brauch seit dem 17. Jahrhundert belegt. Im Glossar" ergeben. Wie du so eine Meldung baust, steht bei der eigenen Zeitungsente. Ideen für passende Überschriften gibt es bei den Schlagzeilen für die eigene Zeitungsente, und woran du selbst einen Medienscherz erkennst, zeigt die Seite Aprilscherze in den Medien erkennen.
Häufige Fragen
Gab es Sidd Finch wirklich?
Nein. Sidd Finch ist eine Erfindung von George Plimpton. Auf den Fotos im Heft posierte ein Kunstlehrer aus Illinois, Joe Berton, als Werfer.
Wie schnell sollte Sidd Finch werfen?
Im Artikel waren es 168 Meilen pro Stunde, rund 270 Kilometer pro Stunde. Das war deutlich mehr als jeder bis dahin gemessene Wurf im Profi-Baseball.
Wo stand der Hinweis auf den Aprilscherz?
Im Untertitel. Die Anfangsbuchstaben seiner Wörter ergeben "Happy April Fools Day". Wer den Satz nur überflog, hat das nicht bemerkt.
Haben die New York Mets mitgemacht?
Ja. Der Verein stellte ein Trikot und einen Spind zur Verfügung, und auf den Fotos waren echte Spieler und Trainer zu sehen. So wirkte die Geschichte noch echter.
Quellen
- The Museum of Hoaxes (Alex Boese): Sidd Finch, hoaxes.org, abgerufen am 06.11.2026.
- Wikipedia: Sidd Finch, en.wikipedia.org, abgerufen am 06.11.2026.